Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Unterhaltungen über fantastische und historische Literatur.

Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Beitragvon Mam Summ » Donnerstag 11. Dezember 2014, 12:41

Ich bin grad in der Zeit auf eine Rezension über den Gaiman-Roman gestossen, die vor allem unser momentanes Lieblingsthema betrifft: Übersetzungen.

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Lesenswert sind auch die Kommentare, da viele auch die hier oft diskutierten Punkte ansprechen: ob das Original wirklich gelesen/zum Vergleich herangezogen wurde (und ob das nötig sei), wie dicht man an der wortlichen Übersetzungen dran bleiben darf/muss und wieviel Wortklauberei einfach persönlicher Geschmack sein kann.

Hat jemand das Buch schon gelesen und kann etwas dazu sagen? Würde mich mal interessieren, ich kenne es noch nicht.
"[...] and yoghurt, which to Vimes´s mind was a type of cheese that wasn´t trying hard enough."

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Re: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Beitragvon Tod » Donnerstag 11. Dezember 2014, 14:03

Mir hat das Buch im Original auch nicht gefallen. Die Übersetzung kenne ich nicht und weiß daher nicht, ob sie es noch schlimmer macht. Aber Sätze derart, wie sie im Artikel erwähnt werden, kommen auch darin vor und trafen meinen Geschmack auch nicht.
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Re: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Beitragvon Ponder » Donnerstag 11. Dezember 2014, 19:56

Ich habe das Buch im Original gelesen und im Gegensatz zu Tod hat mir das Buch hervorragend gefallen.
Die in der Quelle zitierten Sätze grabe ich auch mal aus, um einen besseren Vergleich zu schaffen:
"It was only a duckpond, out at the back of the farm. It wasn't very big. Lettie Hempstock said it was an ocean, but I knew that was silly. She said they'd come here across the ocean from the old country. [...]"(Gaiman, Neil: The Ocean at the End of the Lane, engl. Paperback, S. 1)
Ich glaube bei einer Übersetzung hätte ich auch eher zum "seien/sei" tendiert, auch wenn ich es nicht so formal begründen hätte können, wie in der Rezension.

Zum Satz "Our house was large and many-roomed, which was good when they bought it and my father had money, not good later." (ebd., S. 17): Auch im Original lässt der Satz zunächst viel offen. Jedoch würde ich behaupten, dass vor der Übersetzung der Sinn etwas klarer ist. Der Aussage die man zunächst entnehmen kann ist klar: Erst war alles toll als der Vater Geld hatte. Das scheint er irgendwann verloren zu haben, und da wurde die Tatsache, dass das Haus so groß war und so viele Zimmer hatte (für ihn) zum Nachteil.
Warum dieser Nachteil wird zuerst in diesem Satz nicht erklärt. Aber die Begründung folgt im folgenden Absatz in Form eines Rückblickes. Der Protagonist wurde in das Schlafzimmer der Eltern gerufen und dort wurde ihm offenbart, dass er zukünftig auf sein Zimmer verzichten müsste, da bei ihnen Leute zur Untermiete einziehen würden. Das ganze wird etwas weiter ausgebaut, auch mit den Mietern selbst gibt es einige Probleme usw.

Der etwas längere beschreibende Satz lautet so:
"I went through my parents' bedroom to the balcony that ran along the length of their bedroom and my sister's and mine, and I stood on the long balcony and I [...]" (ebd., S. 87)
Es ist wohl Geschmackssache was man davon halten mag. Wenn alle Sätze nach diesem langatmigen Muster laufen würden, wäre ich wohl auch schnell genervt. An dieser Stelle dient er jedoch ganz gut einen etwas lebendigeren Blick vom Haus zu erhalten.

Der nächste Satz ist bei der Zeit falsch zitiert, denn er geht eigentlich noch weiter: "Dort stellte sie [Hervorhebungen von mir] sie dann auch hin, und ich kam mir wunderbar wichtig vor [Hervorhebungen von mir]." (Gaiman, Neil: Der Ozean am Ende der Straße, Seitenzahl habe ich leider nicht parat.)
Im Original lautet er "I helped her put the flowers into the vases, and she asked my opinion on where to put the vases in the kitchen. We placed them where I suggested, and I felt wonderfully important." (Gaiman, Neil: The Ocean at the End of the Lane, engl. Paperback, S. 44) Man sieht hier auch, dass es hier eine Ungenauigkeit in der Übersetzung gibt. In der Übersetzung ist es lediglich die Frau die die Vase platziert, im Original waren es die beiden. Die gesamte Satzkonstruktion ist hier im englischen aber auch leichter zu bewerkstelligen.

Die "kleine Landstraße" ist im Original die titelgebende "lane" (ebd., S. 90), was für mein Sprachgefühl her wirklich etwas schwer zu übertragen ist. Ich weiß spontan nicht, wie ich den Begriff übersetzen würde, aber ich würde mich vermutlich für das einfache Wort "Straße" entscheiden.
Am Begriff "Gestrüpp" könnte ich nichts aussetzen, es passt ganz gut zum Charakter, auch wenn ich gerade nicht die Stelle im Original finde und deswegen nicht sagen kann, welches Wort dort verwendet wurde.

Der Kritiker hofft übrigens nicht ganz vergebens: Es handelt sich wirklich um das "weiße" Lächeln des Mondes und nicht das "weise". Der Lektor hat an dieser Stelle nicht geschlampt. Wohl aber an der anderen, wenn die Stelle mit dem "ihn" wirklich so im Text steht. Im Original besteht das Problem übrigens gar nicht. Dort heißt es schlicht: "When I entered [...]. When I left [...]" (ebd., S. 207)


[Ich musste eben den Beitrag zumindest in Teilen rekonstruieren, und hoffe, dass ich an alle Teile gedacht habe.]
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Re: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Beitragvon Mam Summ » Freitag 12. Dezember 2014, 12:34

Aha, da sind ja schon beide Ansichten zusammengekommen. :D
Danke für euer Feedback und natürlich besonders grossen Dank, Ponder, dass du sogar alles rausgesucht hast! :o :)

Ich habe bisher, neben Good Omens natürlich, erst einen anderen Roman von Gaiman gelesen, aber der hat mir sehr gefallen. Ich denke schon, dasss ich mir das Buch mal besorgen werde, eilt ja nicht. Nur in welcher Sprache, muss ich dann noch entscheiden, wird wohl eher englisch werden.

Grüsse aus dem tiefen Süden zwischen Jura und Alpen,
Summse
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Re: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Beitragvon Ponder » Montag 15. Dezember 2014, 07:46

Welchen Roman hast du denn schon gelesen? American Gods? Neverwhere?
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Re: Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Beitragvon Mam Summ » Montag 15. Dezember 2014, 11:20

Ja, Neverwhere, allerdings auf deutsch als Niemalsland.
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